Nährende und zehrende Zeiten
Weitgehen ist heilsam, durfte ich schon mehrmals erleben. Das weite Gehen ist keine fromme Übung, sondern eine Geschichte, die den ganzen Menschen erfasst. Die Faszination des Pilgerns lässt immer mehr Menschen ihre Rucksäcke packen und auf Wanderschaft, Pilgerschaft gehen. Unser Leben ist sehr schnell geworden und viele sehnen sich nach einem tragenden Rhythmus wie das „Schritt für Schritt“. Die Geschwindigkeit des Gehens entspricht ganz einfach der Geschwindigkeit der Seele des Menschen - und das tut gut, entschleunigt, holt auf den Boden zurück. Da ist eine große Sehnsucht, die mich selber auch immer wieder erfasst.
Das gehende Pilgern hat immer drei Dimensionen: Körper, Geist und Seele. Wer 21 Tage lang zu Fuß unterwegs ist, hat den gleichen Effekt wie nach einer Kur. Man ist trainiert, hat keinen Gusto auf schweres Essen oder Alkohol, nimmt an Gewicht ab. Mental kommt man immer wieder an seine Grenzen und lernt, nicht nur den Weg zu sehen, sondern das Ziel zu visualisieren. Wer alleine unterwegs ist, spürt ganz deutlich, dass man in einer ganz tiefen und spirituellen Weise mit den anderen verbunden ist. Es bestätigt sich: Alles ist mit allem verbunden, nicht technisch über ein Handy, sondern die tiefe spirituelle Dimension. Wer dafür geöffnet geht, wird eine Glückseligkeit erleben. Dafür reichen übrigens auch vier Tage am Johannesweg.
Bei meinen Fußreisen habe ich erfahren, dass man nicht am Leben basteln kann, weil einem das Leben, weil einem Gott sowieso entgegenkommt. Ich bin beim langen Gehen auch draufgekommen, dass man nicht viel braucht, um zu leben. Das stellt sich dann so etwas wie eine „glückliche Genügsamkeit“ ein. Die Grundfrage ist dann: Wie geht weniger und wesentlich. Wenn das Wenige das trifft, ist das Glück.
Pilgern ist auch keine Leistung, Pilgern ist ein Geschenk. Das habe ich auch allen Menschen gesagt, die in diesem Zusammenhang und in diesem Sinne gratuliert haben. Das Gehen auf einem Pilgerweg (aber genauso auf einem anderen Weg) lässt den sonst omnipräsenten Leistungsmodus zurücktreten und der Daseinsmodus darf breit Platz nehmen. Jetzt bin ich da, hier und jetzt. Das öffnet mich auch in besonderer Weise für Begegnungen und für ein hellwaches Weltanschauen.
Klar ist, dass der Geh-Modus für mich zum eigentlichen „Lebensbild“ geworden ist. Ich habe gelernt, alles in Bewegung, im Gehen zu denken und zu gestalten, weil diese Erfahrungen absolut prägend sind. Ich gehe anders an die Dinge heran. Ich weiß jetzt ganz genau, dass ich nicht alles planen und kontrollieren kann. Und dass es normal ist, dass es nährende und zehrende Zeiten im Leben gibt. Damit ich das nicht verlerne, breche ich im Feber 2026 wieder auf für dreieinhalb Wochen. Gehen nährt.
Mag. Ferdinand KAINEDER
Kommunikationslotse, Coach, Theologe und Autor , Präsident der Katholischen Aktion Österreich (KAÖ)
www.kaineder.at
